Die Hauptaufgabe unserer Sinne ist es, uns Informationen über unsere Umgebung zu geben, nach welchen wir dann unser Verhalten entsprechend anpassen können. Einige Formen von Information sind dabei wichtiger als andere.

Sehen und Hören sind die zwei bedeutendsten Sinne wenn es darum geht, Informationen bezüglich unserer Sicherheit aus der Umgebung zu erhalten. Und vergleicht man die Beiden stellt man fest, dass Hören an erster Stelle steht, denn unser Gehör kann/ist …

…360° unserer Umgebung wahrnehmen.
…ungehindert wahrnehmen, auch wenn die Sicht versperrt ist.
…Geräusche in weiter Entfernung wahrnehmen (z.B. Flugzeuge, die in über 10km Höhe fliegen)
…Sound neurologisch schneller verarbeiten.
…ohne Umwege unsere Aufmerksamkeit und Emotionen erregen.
…selbt im Schlaf noch aktiv.

Sound ist also die primäre Informationsquelle über unsere Umgebung und das menschliche Erleben von Sound bestimmt die Art, wie wir mit der Welt und auch miteinander interagieren.

Frühere Studien haben bereits bestätigt, dass uns Soundeigenschaften wie Tempo, Rhythmus, Tonhöhe und Intensität Informationen aus der Umgebung liefern können, die uns mitteilen, ob wir in Gefahr sind oder nicht.

Die Frage, die sich Wissenschaftler der Universitäten Chemnitz, Ohio State University und der Louisiana State University gestellt haben ist, ob

es eine bestimmte optimale Klangdichte (Menge an Klanginformation, die auf unser Ohr trifft) gibt, in der wir Informationen zur Sicherhet unserer Umgebung am besten verarbeiten können
Musik in uns ein Gefühl von Sicherheit erzeugen kann.

Im ersten Teil der Studie wurden Teilnehmern Rhythmen verschiedener Komplexität vorgespielt, um zu ermitteln, ob es einen optimalen Bereich an Klangdichte gibt, in welchem wir akustische Informationen aus der Umgebung stressfrei verarbeiten können. Man ging davon aus, dass jede Abweichung von diesem optimalen Bereich auch eine Abweichung im Stress- und Gefahrempfinden hervorrufen müsste.

Das Ergebnis der Studie spiegelt die Annahme jedoch nur teilweise wider. Tatsächlich ließ sich ein optimaler Bereich an Klangdichte definieren, in welchem die Teilnehmer Klanginformation ohne das Gefühl von Stress verarbeiten konnten.

Auf der anderen Seite widerspricht das Ergebnis der Annahme, dass jede Veränderung Stress erzeugen würde. Tatsächlich stieg das Gefühl von Stress und Gefahr der Teilnehmer nur bei steigendem Tempo und komplexeren Rhythmen, jedoch wich im Gegenzug dazu das Stressempfinden bei langsameren Tempi nicht wesentlich von dem im optimalen Bereich ab.

D.h. Übersteigt die hörbare Klangdichte unserer Umgebung unseren akustischen Wohlfühlbereich, fühlen wir uns in dieser Umgebung nicht mehr sicher.

In einem zweiten Versuch sollten die Teilnehmer ihr Stress- und Gefahrempfinden im Erleben verschiedener akustischer Klangwelten (Musik, Natursounds, Stille) bewerten.
Es wurde ihnen Musik sowohl instrumental (ohne Singstimme) als auch acapella (nur Singstimme ohne Begleitinstrumente) vorgespielt in der Annahme, dass die Singstimme den größten positiven Einfluss auf unseren Stresslevel habe (schliesslich haben unsere Urahnen zunächst nur gesungen, als es noch keine Instrumente gab). Die Natursounds bestanden aus Aufnahmen der Savanne Afrikas und Stille wurde als White Noise vorgespielt (vollkommene Stille gibt es in natürlichen akustischen Umgebungen nicht).

Im Ergebnis fanden die Telnehmer Musik am beruhigendsten während Natursounds und Stille keine positiven Auswirkungen auf den Stresslevel hatten und sich im Empfinden auch kaum voneinander unterschieden. Innerhalb des Musikerlebens wurde beim Hören der Instrumentalmusik Stress und Gefahrenempfinden viel stärker abgebaut als beim Hören der Acapellamusik.

Das Ergebnis ist also, dass weder Stille noch Naturgeräusche den optimalen akustischen Rahmen darstellen, um uns Sicherheit zu suggerieren und Stress abzubauen. Mit Musik hingegen gelingt uns das hervorragend. Wir nehmen Musik als Indikator dafür, ob wir uns in sicherer Umgebung befinden oder nicht.

Ein Erklärungsversuch dafür ist, dass unsere Vorfahren in Urzeiten nur dann Musik machen konnten wenn sichergestellt war, dass durch den dadurch erzeugten hohen Geräuschpegel keine Raubtiere oder andere Gefahrenquellen auf sie aufmerksam gemacht wurden, sie also in Sicherheit waren.